Online-Magazin für Physische Unsterblichkeit

“Liebe ist eine Macht, die Liebe erzeugt”

erich_fromm4In seinem Bestseller "Die Kunst des Liebens" beklagte Erich Fromm den Verlust der Menschlichkeit im Kapitalismus. Seine Konsumkritik brachte der Psychoanalytiker auf die Formel "Haben oder Sein". Eine Zeitdiagnose, die heute noch trifft. Weiter zur Wiederveröffentlichung eines Gesprächs mit Erich Fromm aus dem Jahr 1974, Deutschlandfunk Kultur vom 26.08.18. UPDATE: Zum 15jährigen FOREVER-Jubiläum siehe hier im Kommentarbereich noch einmal die allererste Buchbesprechung zu Erich Fromms Klassiker Die Kunst des Liebens.

1 Antworten »

  1. 15 Jahre FOREVER!

    FOREVER startete am 09. September 2003 und zwar zunächst in einer etwas anderen äußeren Gestalt und mit einem anderen inhaltlichen Konzept, in dem ausschließlich eigene Texte in abgeschlossenen Ausgaben zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen veröffentlicht wurden. Zum 15jährigen Jubiläum des Online-Magazins hier noch einmal die - nur leicht überarbeitete - erste Buchbesprechung aus der allerersten Ausgabe:

    Erich Fromm: „Die Kunst des Liebens"

    Seltsam, nicht wahr!? Erich Fromms Klassiker über „die Kunst des Liebens" aus dem Jahre 1956 als allererste Buchbesprechung in einem Magazin, das sich dem Projekt der physischen Unsterblichkeit verschrieben hat!?? Und dabei taucht das Buch nicht mal in der Literaturliste mit „den zehn Essentials" auf!???

    Nein, das wäre auch mißverständlich, denn weder ist die Unsterblichkeit - in welcher Form auch immer - ein Thema in Fromms Buch, noch hätte er sich meines Wissens nach an anderer Stelle dafür ausgesprochen oder auch nur damit beschäftigt. Im Gegenteil. In 'Haben oder Sein', seinem berühmten Spätwerk aus den 70er Jahren, plädiert er mehr in einer Nebenbemerkung und wohl im Sinne fernöstlicher bzw. mystischer Traditionen für die Akzeptanz der Sterblichkeit, wobei er gleichzeitig einräumt, wie schwer diese Haltung beispielsweise angesichts des Todes eines nahestehenden Menschen zu verwirklichen sei. Die Problematik der Todesakzeptanz soll jetzt nicht weiter inhaltlich verfolgt werden, denn dafür gibt es andere und ergiebigere Anlässe, aber man sollte Fromms Grundposition in diesem zentralen Punkt genau zur Kenntnis nehmen und beim folgenden im Hinterkopf behalten.

    Ich war selbst überrascht, als ich mich dafür entschied, 'Die Kunst des Liebens' zum ersten Gegenstand einer Buchbesprechung zu wählen, aber der tiefere und in gewisser Weise zwingende Grund dafür ist leicht benannt und wurde auch schon in der Titelgeschichte angedeutet. Vor all den Fragen nach der Verlängerung und extremen Ausdehnung der Lebenszeit steht immer und gewissermassen „auf ewig" die Frage nach ihrer Qualität, und wenn man sich überlegt, welche Bedingungen, Faktoren oder Elemente für „die Qualität des Lebens" von hoher oder gar entscheidender Bedeutung sind, dann stößt man - den romantischen Mystifikationen Hollywoods oder des sentimentalen Schlagerkitsches etc. zum Trotz - unweigerlich auf das Phänomen der Liebe! Und man stößt eben auf Erich Fromms Buch, wenn man sachkundige und umfassende Auskunft über die Liebe sucht, die weder traditionelle Moral predigt oder oberflächliche Klischees verbreitet, sondern auf der analytischen Höhe des geistigen Bewußtseins der Moderne angesiedelt ist, dabei gleichzeitig in einfachem und verständlichem Stil gehalten.

    Das Buch hatte seine Konjunkturen und Popularität und wurde in der gesamten westlichen Welt vielmillionenfach aufgelegt, obwohl bezweifelt werden darf, daß es genauso oft gelesen wie gekauft (und verschenkt!) worden ist, denn dann müßten die Welt und die Gegenwart anders aussehen. Oder wäre sie dann noch bedrückender, falls diese Einschätzung irrig wäre? Seine Essentials sind zwar schnell benannt, aber es sei doch jedem geraten, sie sich in aller Ausführlichkeit durch eigene Lektüre anzueignen. In den meisten Buchantiquariaten oder via Ebay etc. dürfte ein Exemplar für wenige Euro zu haben sein, was allerdings auch ein kleines fatales Zeichen für die zwiespältige oder begrenzte Rezeption des Werkes darstellt. So macht es gleich zu Beginn den zentralen Unterschied zwischen wirklichem Lieben und dem verbreiteten Wunsch, GEliebt werden zu wollen, klar, woraus sich auch die Leitidee ergibt, daß Lieben tatsächlich eine Fähigkeit und Eigenschaft ist, eben eine „Kunst", und nicht nur vom passiven Glück und Zufall z.B. bei der Partnerwahl abhängt. Die traditionell unterschiedlichen Voraussetzungen und resultierenden Handlungsorientierungen von Mann und Frau werden benannt, was im Jahre 2003 durch die Veränderungen der letzten Jahrzehnte etwas differenziert werden müßte. Selbstsucht und Selbstliebe werden unterschieden wie generell verschiedene Erscheinungsformen der Liebe näher betrachtet (Elternliebe, erotische Liebe, Gottesliebe etc.). Der Unterschied von sexueller Lust und Liebe wird dargestellt wie die weit verbreitete Annahme, daß Liebe ein bloßes - z.B. innig-herzliches - Gefühl sei, kritisiert, ebenso, daß sie etwas sei, das sich bloß zwischen zwei intimen Partnern ereigne. Die tiefenpsychologischen, sozialen, politischen bis hin zu den spirituellen Dimensionen der Liebe werden erörtert, wobei er im Schlußteil noch ein paar einschränkende Betrachtungen über den Wert solcher theoretischer Reflexionen über die Liebe anschließt. Eine solche Reflexion habe zwar ihre prinzipielle Berechtigung, aber sie könne die PRAXIS des Liebens nicht ersetzen, der eine ganz eigenständige Wirklichkeit zukomme und die eine authentische tagtägliche Hinwendung verlange.

    Wer wenig Zeit zur Lektüre hat, dem seien zur schnellen Übersicht vor allem die Einführung und das erste Kapitel, das Kapitel über die Selbstliebe, die Gottesliebe und dieser Schlußteil zur Praxis des Liebens empfohlen. (Ergänzung 09/18: Mittlerweile existiert aber auch längst ein eigener Wikipedia-Eintrag, der das Buch ziemlich prägnant zusammenfasst.)

    Im Kontext des Todes- und des Unsterblichkeitsthemas ist nun das Kapitel über die Gottesliebe von entscheidender Bedeutung, dem Fromms religionskritische Gedanken von anderer Stelle in verdichteter Form zugrundeliegen. Er propagiert hier ein modernes, säkulares und „nicht-theistisches" Gottesverständnis - im feinsinnig-diffizilen Unterschied zum „atheistischen" - in dem die Rede von „Gott" nur noch eine poetisch-metaphorische Umschreibung für die Prinzipien von Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit darstellen soll. Das ist durchaus interessant und erfrischend, weil ein solches non-personales Gottesverständnis auch für rationale und glaubenslos gewordene Menschen durchaus annehmbar sein kann, aber es stellt sich die fundamentale Frage, ob und inwieweit Fromm hier nicht das Wesen und die Essenz traditioneller Religiosität im tiefsten und letzten Punkt verkennt und damit unbeachtet läßt!? Gott - jetzt wieder der ohne Anführungszeichen - ist jedenfalls im Kontext der religiösen monotheistischen Traditionen eben auch DAS Symbol für die Ewigkeit und damit der Überwindung des Todes, aber diese zentrale todestranszendierende Dimension von Religion mit all' ihren Folgeaspekten für das Selbstverständnis der Gläubigen und der daraus resultierenden kollektiven und historischen Dynamiken kommt in diesem Kapitel - und meines Wissens auch an anderer Stelle in Fromms Gesamtwerk - nicht vor!!? Ist also Erich Fromm tatsächlich der „Verzuckerer aller existentiellen Wahrheiten", wie sein Kollege, der italienische Psychoanalytiker Luigi De Marchi, in seinem Buch 'Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod' kritisch zu ihm anmerkt!?? Es scheint, daß sich in diesem Kapitel wie bei Fromm überhaupt die existentiellen Grenzen der klassischen Psychoanalyse und des Marxismus manifestieren, die ja seine beiden wichtigsten theoretischen Bezugsrahmen bilden, wobei sein Versäumnis oder Defizit um so ärgerlicher ist, weil letztlich gerade das Konzept der physischen Unsterblichkeit mit Fromms materialistisch-säkularen Grundpositionen konsistent wäre - oder zumindest mit den grundlegend materialistischen Voraussetzungen eben seiner übergeordneten Bezugstheorien! Über dieses Konsistenzverhältnis von geistigen Grundorientierungen wie auch über die existentiellen Grenzen von klassischem Marxismus und klassischer Psychoanalyse wird generell noch viel nachzudenken sein...

    Ich setze jedenfalls die Besprechung von Fromms Buch an diese prominente Stelle, um auch daran zu erinnern, daß Unsterblichkeit um jeden Preis, die sich gegen die Liebe als äußerstem Ausdruck der tieferen Qualität des Lebens richtete, sinnlos, wertlos bis böse wäre. Den moralisierenden Todesakzeptierern jeglicher Richtung und Couleur sei dabei allerdings die entscheidende Frage ins Stammbuch geschrieben, warum die so oft und so pathetisch beschworene „Macht der Liebe" nicht so groß ist und so selbstverständliche Geltung besitzt, daß sie die Menschen und das menschliche Leben in ihrem Sinne verwandelt!? Anders gesagt: die emphatische Rede von der Macht der Liebe kann nur Geltung und Gehör im Angesicht des Todes beanspruchen, wenn es um eine Liebe geht, die - tatsächlich! - stärker als der Tod wäre und den Tod überwindet! „Liebe" dagegen als bloßer Zusammenschluß von ängstlichen Kleingeistern, als egozentrische Lustbefriedigung, als Egoismus zu zweit oder Gruppenegoismus, als unendliches Geschwätz von Moralisten oder sentimentalen Träumern oder gar als rhetorisches Kampfmittel der Marketingspezialisten ist selbst des Todes, und daher gibt es kaum eine vornehmere und wichtigere Aufgabe als diese Arten des verkleideten Todes kontinuierlich zu demaskieren!

    Es ist durchaus möglich, daß die wahre und vollkommene Liebe in diesem höchsten und allerletzten Sinne mit Todesakzeptanz zusammen fällt, wie es die Mystiker verkünden, aber zum einen bliebe dann immer noch die Frage, WAS in dieser spirituellen Perspektive dem Tod primär anheimfallen muß - der Körper oder eine bestimmte Form der psychischen Fixierung bzw. geistig-seelischen Identifikation mit dem „Ego"!? Zum anderen gibt es keinen bezeichnenderen und ärgerlicheren Widerspruch, als wenn todes- und jenseitsorientierte Menschen sich noch irgendetwas positives für dieses Leben und diese diesseitige Welt erwarten. Das Liebespathos solcher „Weltverbesserer" drückt damit in der Regel eine unbewußte Kritik an ihren metaphysischen Glaubensvorstellungen aus, so daß ihre persönliche wie politische Kraftlosigkeit im Alltag und ihre verzweifelte Hoffnungslosigkeit, wenn das Jenseits, also der Tod!, REAL an die eigene Tür klopft, kein Wunder sind, von der furchtbaren Wiederkehr des Verdrängten ganz zu schweigen, wenn im Namen der „Liebe" die schlimmsten Verbrechen begangen und gerechtfertigt werden.

    Kommende Buchbesprechungen werden viel näher und konkreter beim Thema physische Unsterblichkeit sein, aber diese hier, dieses Buch und vor allem dieses Thema mögen auf einer Meta-Ebene als Prüfstein, Maßstab und „Eichung" für andere Bücher und den Kosmos der unterschiedlichsten Inhalte und Aspekte dienen...

    (Anmerkung 09/18: Diese Buchbesprechung erschien zuerst in FOREVER Nr. 1 am 09. September 2003. Sie endete mit einem Zitat von bzw. einem Link zu einem längeren Liebesgedicht von Friedrich Schiller: Phantasie an Laura.)

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