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Roman zur Alternsforschung: Der Tag der Engel

tagderengel-8Biomediziner John Flender soll an einem geheimen Forschungsprojekt teilnehmen. Das Ziel: Die Überwindung des menschlichen Alterungsprozesses! Doch schnell muß er erkennen, daß er sich auf eine gefährliche Sache eingelassen hat... Siehe den folgenden  Buchauszug aus dem spannenden Wissenschaftsthriller Der Tag der Engel von Paul Weiler, September 2017 im bookshouse-Verlag erschienen:

„Die Büros am Institut für Biomedizin der Fraunhofer-Gesellschaft in der Außenstelle Sulzbach, einem Ableger des Mutterinstituts in St. Ingbert nahe Saarbrücken, waren funktional und ästhetisch zugleich - das Ergebnis eines vor Jahren ausgelobten Architekurwettbewerbs. Sämtliche Arbeitsräume, Lagerhallen, Labore und Pausenzonen waren mit bodentiefen Fenster ausgestattet, sodass die Räume an schönen Tagen von Sonnenlicht durchflutet wurden. Verglichen mit Johns früheren Arbeitsplätzen, bei denen es sich meist um Büros von der Größe eines Schuhkartons nahe der Labortrakte im Kellergeschoss gehandelt hatte, war das hier das Paradies auf Erden.

Im Moment jedoch konnte er sich kaum für die architektonischen Vorzüge seines Arbeitsplatzes begeistern - geschweige, dass er in der Lage gewesen wäre, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Seit über einer Stunde saß er schon an seinem Schreibtisch und starrte gedankenverloren die Wände an. Der Abgabetermin für eine pharmakologische Versuchsreihe saß ihm im Nacken, aber statt sich mit dieser dringenden Aufgabe zu befassen, kreisten seine Gedanken permanent um Anna Cortini und um das Gespräch in dem Café. Drei Tage war das her.

Verrückt. Einfach verrückt.

Etwas Besseres fiel ihm dazu immer noch nicht ein. Andererseits musste er sich eingestehen, dass sich einige seiner anfänglichen absoluten No-Gos in Bezug auf das Jobangebot mittlerweile relativiert hatten - zumindest erschienen sie ihm längst nicht mehr so verrückt wie noch vor wenigen Tagen. Da war zum Beispiel die Sache mit dem anonymen Auftraggeber. Eigentlich ein absolutes K.-O.-Kriterium. Aber allein die Tatsache, dass dieser anonyme Auftraggeber Anna Cortini geschickt hatte und nicht, wie zunächst vermutet, eine professionelle Headhunterin, war ihm irgendwie sympathisch. Zwar blieb der anonyme Auftraggeber dadurch weiterhin anonym, aber es war immerhin jemand, der persönliche Freunde und Bekannte ins Rennen schicken konnte, die sich als ganz normale Menschen zu erkennen gaben. Das machte die ganze Sache wieder etwas weniger verrückt.

Auch die avisierte persönliche Betreuung durch Anna Cortini während der Projektlaufzeit verlieh dem Ganzen irgendwie etwas Familiäres, Vertrauenerweckendes. Außerdem konnte John nicht umhin, sich einzugestehen, dass Anna Cortini ihm sympathisch war. Vielleicht sogar mehr als das. Die Vorstellung, diese attraktive Frau während der nächsten zwei Jahre regelmäßig um sich haben, war ihm alles andere als unangenehm. Wobei ihm durchaus klar war, dass er sich in Bezug auf das Jobangebot von dem Einfluss dieses Gedankens lösen musste. Zwei Jahre außerhalb jeglichen normalen Lebens! Das war eine weitreichende Entscheidung, die sorgsam und nüchtern überlegt werden musste - und nicht verblendet von dem Lächeln einer schönen Frau. Trotzdem fiel es ihm schwer, einen klaren Trennstrich zu ziehen.

Ein weiterer Punkt, den er anfänglich als erhebliches Hindernis eingestuft hatte, hatte sich mittlerweile ebenfalls in Wohlgefallen aufgelöst. Er würde für den neuen Job bereits Anfang November zur Verfügung stehen müssen. Bis dahin waren es gerade mal noch vier Wochen, und er wollte auf keinen Fall arbeitsrechtliche Probleme mit dem Fraunhofer-Institut riskieren. Sein Lebenslauf war bisher makellos, und das sollte auch so bleiben. Ein Blick in seinen Arbeitsvertrag und auf die Anzahl seiner offenen Resturlaubstage hatte ihm aber klargemacht, dass er ohne Vertragsbruch termingerecht ausscheiden konnte, wenn er bis Ende der Woche seine Kündigung einreichte. Also auch hier grünes Licht, obwohl es ihn schmerzen würde, ein paar seiner aktuell laufenden Versuchsreihen nicht weiter begleiten zu können.

Doch genau dieser Gedanke, die Frage, was er aus forscherischer Sicht würde aufgeben müssen und was er stattdessen hinzugewinnen würde, führte ihn immer wieder zu dem wichtigsten Punkt seiner Überlegungen: die Frage nach den Erfolgsaussichten des Projektes. Ihn beschlich schon seit Längerem das unbestimmte Gefühl, dass er in sämtlichen seiner vergangenen und auch in seinem aktuellen Job immer nur in Trippelschritten vorankam. Das Gleiche galt für die gesamte biomedizinische Forschungsgemeinde. Er fragte sich zum Beispiel, warum im letzten Jahrhundert uralte Krankheiten wie Cholera, Diphtherie, Masern, Röteln, Gelbfieber und Kinderlähmung tatsächlich besiegt werden konnten, während seine Generation immer nur Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten erzielte. Krebs, Aids, Demenz, Alzheimer, Schlaganfälle - stets gab es nur neue Hoffnungen, aber nie wirkliche Durchbrüche. Woran lag das? Warum gab es weltweit nicht eine einzige konzertierte Aktion von Bedeutung, die sich ausschließlich dem einen großen Ziel widmete: dem menschlichen Altern mitsamt seinen vielfältigen negativen Begleiterscheinungen endgültig den Garaus zu machen?

John hatte keine Antwort auf diese Frage. Aber er hatte in das Buch reingelesen, das Anna Cortini ihm geschenkt hatte. Wie von ihr beschrieben spielte die Geschichte in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, und er hatte in jeder Zeile dieses Tatsachenberichts den unbändigen Forschergeist der damaligen Zeit herauslesen können. Natürlich arbeiteten auch er und sein Team hart - aber nicht so. Nicht in dieser Intensität. Nicht mit dieser bedingungslosen Konsequenz, die ein Scheitern erst gar nicht als mögliche Option zuließ. Und erst recht arbeitete er nicht in diesem von allen störenden Ablenkungen befreitem Vakuum, das überhaupt erst eine vollständige Hingabe auf ein einziges Thema ermöglichte.

War es tatsächlich möglich, diesen Geist von damals in die heutige Zeit zu transferieren? Die alternativlose Ausrichtung eines hochkarätigen Projektteams auf ein einziges, großes Ziel? Er hielt es zumindest für möglich. Nach allem, was er von Anna Cortini gehört hatte, war die Absicht zumindest deutlich erkennbar. ..."

(aus: Der Tag der Engel, Roman von Paul Weiler, Verlag bookshouse, September 2017, Taschenbuch: 332 Seiten, 12,99 Euro, Kindle-Edition 4,99 Euro. Die zitierte Passage stammt aus dem zweiten Kapitel. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.):

 

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