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Neuer Kinofilm von Jaco van Dormael: Wenig Liebe für Gott im Bademantel

In „Das brandneue Testament“ ist der Schöpfer ein Tyrann. Die Komödie erzählt vom Wissen der Menschen um ihren Tod. Weiter zur Filmbesprechung auf taz-Online vom 02.12.15. Siehe auch die Besprechung auf SPIEGEL-Online vom gleichen Tag: Gott, du mieser alter Sack!.

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  1. Existentieller Zeithorizont

    Sicher, es ist ja nur eine Satire, aber für die dramaturgische Kernidee des Films mit dem Verraten des individuellen Todeszeitpunktes müssen wir keine übernatürlich-religiösen Mächte beschwören, wie auch die ziemlich durchaubare filmpädagogische Absicht eines aufklärerisch gemeinten Memento mori („Bedenke, daß du sterben mußt!") keinen - wenn auch unterhaltsamen - Hokuspokus bedarf. Denn: wir wissen nicht nur längst, daß wir sterben müssen sondern KENNEN bereits auch für jede Altersstufe ziemlich genau unsere „maximale Restlebenszeit", die im individuellen Einzelfall, in vielen Einzelfällen, freilich auch noch deutlich unterboten werden kann. Eine persönliche Garantie ist mit dem „existentiellen Zeithorizont", wie dies in der Vergangenheit hier schon einmal getauft wurde, schließlich nicht verbunden, denn über Leben und Tod entscheidet ein komplexes Bündel ganz unterschiedlichster Faktoren. Wahrscheinlichkeitstheoretische Gewichtungen dieser Faktoren, wie sie z.B. in den Mortalitätsstatistiken zum Ausdruck kommen, sind dabei nur für theoretisch-allgemeine Zusammenhänge bzw. für die gesamtgesellschaftliche Ebene und die damit verbundenen Expertendiskurse relevant. Für die Motivation des konkreten einzelnen Menschen oder für das Alltagsbewußtsein von Massen und die sich daraus ableitenden Strategien für eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit haben sie wenig bis gar keine Geltung, weil hier andere Gesetzmäßigkeiten vorherrschen, die Gesetze von Psychologie und Sozialpsychologie, von kollektiven Glaubenssystemen, Religionen und Ideologien samt ihrer politischen, ökonomischen wie kulturellen Voraussetzungen bzw. Rahmenbedingungen.

    Zur genaueren Bestimmung des existentiellen Zeithorizontes siehe noch einmal einen Kommentar von Juni 2011 anlässlich eines (damals) neuen Tests zur Bestimmung der Länge der Telomere. Die dort genannten Zahlen könnten übrigens für die Annäherung an die Alltagsrealität der allermeisten Menschen noch etwas präziser eingegrenzt werden, wenn man zum einen vom „durchschnittlichen" existentiellen Zeithorizont ausgehen würde, der ja deutlich geringer ist und sich natürlich am konventionellen Begriff der „durchschnittlichen Lebenserwartung" orientiert (statt an der maximalen Lebenserwartung). Zum anderen sollte man auch besser vom durchschnittlich „gesunden" existentiellen Zeithorizont sprechen, der nochmal ein paar Jahre kürzer ist, da dem Tod in vielen (aber nicht in allen!) Fällen eine altersbedingte und mehr oder weniger ausgeprägte Krankheits- und Leidensphase vorausgeht, in der der Überlebenswille tendenziell erlischt. Bei einer aktuell gegebenen durchschnittlichen Lebenserwartung von 80-85 Jahren beträgt damit der durchschnittliche gesunde existentielle Zeithorizont eines 20jährigen nur noch ca. 60 Jahre, eines 50jährigen nur ca. 30 Jahre und eines 80jährigen 0 Jahre!

    Das ganze wird allerdings kompliziert dadurch, daß wir uns in einem Feld hochdynamischer Veränderungen befinden, wodurch es sich verbietet, vergangene Entwicklungen oder aktuelle Umstände einfach linear in die Zukunft zu extrapolieren. Dies ist um so bedeutsamer, je jünger die Menschen sind, weil ihre viel größere Lebenserwartung auch mehr zeitlichen Spielraum für bahnbrechende wissenschaftliche oder medizinische Innovationen läßt. (Aber auch die sind nicht garantiert, weshalb ein gewisser jugendlicher Überschwang bei der optimistischen Einschätzung des eigenen existentiellen Zeithorizontes immer nur ambivalent gebrochen auftreten kann!) Zudem muß man sich generell davor hüten, statistisch-allgemeine Wahrscheinlichkeitsaussagen umstandslos auf das individuelle Schicksal umzulegen, da für die je eigene Lebenserwartung einerseits verschiedene persönliche Voraussetzungen und Lebensbedingungen relevanter sind, andererseits das höchst konkrete und praktische Gesundheits-, Risiko- und Anti-Aging-Regime die lebensverlängernden - oder -verkürzenden! - Konsequenzen bewirkt!

    Der dramaturgische Kniff des Films befördert und verstärkt generell die deterministische Vorstellung eines tatsächlich fixen Todeszeitpunktes, die sowieso schon in vielen Köpfen spukt, sei es eben traditionell-religiös als ein vom Schöpfer festgelegtes Schicksal oder modern-naturalistisch als in den Genen einprogrammiertes körperliches Verfallsdatum. In Wirklichkeit ist aber der persönliche Zeitpunkt des Todes die dynamisch-flexible Konsequenz der Totalität aller individuellen Lebensumstände, wobei es für die unbegrenzte Lebensverlängerung genau auf die permanente Ausweitung dieser dynamischen Flexibilität ankäme!...

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