Die Überwindung der letzten Grenze | FOREVER
Online-Magazin für Physische Unsterblichkeit

Die Überwindung der letzten Grenze

Mobilität, Information und Kommunikation sind heute total und global: In unserer scheinbar grenzenlosen Welt ist der Tod die letzte Barriere. Doch auch sie wird der Mensch eines Tages überwinden. Autor: Hans von Storch ---- Weiter zum Artikel auf SPIEGEL-Online vom 24.5.09

3 Antworten »

  1. Der Wunsch nach Unsterblichkeit

    Vorbemerkung:
    Der folgende Text fasst verschiedene Grundpositionen und Essentials von FOREVER prägnant zusammen, gemischt mit einigen Basisinformationen bzw. wichtigen aktuellen Quellen. Er sollte ursprünglich in den entsprechenden Kommentarspalten zum obigen SPIEGEL-Online-Artikel gepostet werden, aber nachdem dort in den letzten beiden Tagen Dutzende der absonderlichsten off topic-Beiträg erschienen waren, wurde es dem Moderator anscheinend zu bunt und er sperrte gleich die ganze Diskussion.

    Der Wunsch nach Unsterblichkeit oder dem ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit und Kernbestandteil der meisten Großreligionen, damit selbstverständliche Alltagsnormalität von ca. 4 der 6,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Die Idee der körperlichen oder biologischen Unsterblichkeit stellt dabei nur eine andere, diesseitige und modernere Form dieses Wunsches dar, obwohl auch sie traditionelle Vorläufer z.B. im altchinesischen Taoismus oder im christlichen Auferstehungsglauben besitzt, den man als eine widersprüchlich-ambivalente Mischform aus seelischer und leiblicher Unsterblichkeit interpretieren kann. Auch der weit verbreitete Reinkarnationsglaube lässt sich salopp als „physische Unsterblichkeit mit Umsteigen" bezeichnen. Laut aktueller von der Zeitschrift Reader's Digest in Auftrag gegebener repräsentativer Emnid-Umfrage vom Januar wollen 10% aller Deutschen unsterblich werden, weitere 4% können sich dagegen vorstellen, 300 bzw. 150 Jahre alt zu werden. Das ist einerseits eine kleinere Minderheit, in absoluten Zahlen gerechnet sind es immerhin über zehn Millionen Menschen allein in Deutschland, denen die konventionelle Lebenserwartung nicht genügt.

    Diese konventionelle heutige Lebenserwartung von durchschnittlich knapp 80 Jahren (hierzulande!) ist dabei selbst schon Ausdruck von „künstlicher Lebensverlängerung" im kleineren Maßstab, denn ohne vielfältige medizinisch-technische und allgemein-soziale Verbesserungen in den letzten 150 Jahren würde die durchschnittliche Lebenserwartung unter 40 Jahren liegen. Da visionäre Projekte zur Überwindung des menschlichen Alterungsprozesses gerade darauf zielen, die biologische Basis der Altershinfälligkeit abzuschaffen, sind die von verschiedenen Forenteilnehmern geäußerten Befürchtungen, sie müssten jahrhundertelang in einem Leidensstadium als „Tattergreise" dahinsiechen, völlig gegenstandslos. Schon heute geht die gesteigerte Lebenserwartung mit einem Absinken der Krankheits- und Leidensphasen einher, wie der ZEIT-Artikel „Gewonnene Jahre" die Ergebnisse eines hochrangigen Expertengremiums gerade erst letzte Woche unter dem Stichwort „Kompression der Morbidität" zusammengefasst hat. Dort auch der Hinweis, daß die Menschen in der Regel mit dem Alter Stereotypen verbinden, die aus vergangenen Jahrhunderten stammen und mit der Lebenswirklichkeit heutiger älterer Menschen nur noch wenig zu tun haben.

    „Langeweile" ist in jedem Alter Ausdruck einer individuellen Entwicklungsverweigerung, die heute allerdings noch im höheren Alter auf Grund der schwindenden Zukunftsperspektive eine fundamentale biologisch-medizinische Rechtfertigung besitzt. Fiele diese biologische Basis weg, würde der Einwand Langeweile sofort völlig anders eingeschätzt.

    Der Einwand „Unsterblichkeit ist schlecht - und nur für die Reichen" entspricht in seiner paradoxen Struktur genau dem Eingangswitz in Woody Allens Klassiker „Der Stadtneurotiker", bekanntlich ein Immortalist der besonderen Art.

    Der Einwand „Überbevölkerung" mutet dagegen besonders skurril an in einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten das Schreckgespenst des Aussterbens an die Wand malt...

    Der Wunsch nach Unsterblichkeit/Quellen:

    Einen neueren Überblick zu wissenschaftlichen Grundlagen der Alternsforschung erhält man beispielsweise in dem von der Max-Planck-Gesellschaft herausgegebenen Reader „Die Zukunft des Alterns" von 2007. Informationen zu dem von einem anderen Forenteilnehmer erwähnten SENS-Projekt des britischen Biogerontologen Aubrey de Grey kann man in dessen eigenem Buch „Ending Aging" nachlesen, ebenfalls von 2007. Einen Einstieg in konkrete, praktische Möglichkeiten der Gesundheitsprävention und Lebensverlängerung im gemässigten Rahmen bietet etwa der Ratgeber von Prof. Bamberger „Besser leben, länger leben: 10 gesunde Jahre mehr sind machbar" von 2006. Wissenschaftliche wie philosophisch-bioethische Aspekte der extremen Langlebigkeit werden aktuell dagegen gerade in dem kürzlich veröffentlichten Suhrkamp-Band „Länger leben?" diskutiert. Das Wissenschaftsmagazin „scobel" auf 3 Sat berichtet in seiner nächsten Ausgabe am Donnerstag den 28.5.09, 21 Uhr, über aktuelle Perspektiven der Alternsforschung und hat u.a. einen der beiden Herausgeber dieses Suhrkamp-Bandes in die Expertenrunde eingeladen.

    Spirituell gesehen finde ich persönlich keine Befriedigung im unkritischen Rückgriff auf die unterschiedlichsten religiösen Traditionen, die in archaischen oder vormodernen Zeiten eine partiell humanisierende Wirkung entfaltet haben mögen, aber den Menschen der Gegenwart kaum noch etwas zu sagen haben. Eine Ahnung auch der spirituellen Entwicklungshorizonte, die sich mit der radikalen Ausdehnung der individuellen Lebensdauer eröffnen, vermittelt dagegen der Roman „Boomeritis" von Ken Wilber, der erst letztes Jahr auf Deutsch erschienen ist und der in unterhaltsamer Weise Kernthemen des US-Philosophen popularisiert, etwa zur Kritik an den narzisstischen Boomer-Generationen, gemischt mit transhumanistischem Gedankengut.

    Im Internet hat sich schließlich längst schon eine wachsende immortalistische Szene insbesondere im angelsächsischen Raum entwickelt, die vielfältigste Informationen bereitstellt, pro und contra der verschiedensten Aspekte und Optionen kontrovers diskutiert oder partiell sogar Spendengelder z.B. für das schon erwähnte SENS-Projekt sammelt. Wer ein stärkeres Interesse an all diesen Themen besitzt, sollte sich dabei bewußt machen, daß er mit dem Wunsch nach biologischer Langlebigkeit einerseits zwar keineswegs allein ist, daß er andererseits aber noch zu einer Minderheit gehört, mit deren Anliegen über vier Fünftel der Menschheit wenig bis gar nichts anfangen kann. Die blosse passive Dauerspekulation z.B. über die künftige wissenschaftlich-medizinische Entwicklung wird angesichts des weit verbreiteten Kultur- und Zukunftspessimismus samt realer globaler Bedrohungen daher kaum ausreichen, damit die heute lebenden schon eine wirkliche Chance auf echte Langlebigkeit besässen, insbesondere auch angesichts der Tatsache, daß alternsbedingte Krankheiten natürlich immer nur EINEN Todesursachenkomplex unter anderen darstellen. Dies könnte nur ein umfassendes individuelles wie kollektives Engagement erreichen, das sich in der grundlegenden Bejahung des Lebens zentriert und dabei sämtliche Aspekte der Verbesserung von zeitnaher Lebensqualität organisch mit einbezieht. Die alleinige Konzentration auf die pure wissenschaftlich-technische Machbarkeit von Langlebigkeit unter Ausblendung aller psycho-sozialen Fragen nach ihrer Wünschbarkeit wird dagegen keine allgemeine Begeisterung auslösen, wie man auch in diesem Diskussionsstrang wieder sehr gut studieren kann.

    Soweit der vorgesehene Kommentar für SPIEGEL-Online. Anzumerken bleibt noch die Beobachtung, daß auch hier wieder sowohl in dem nicht sonderlich gehaltvollen Artikel des Meteorologieprofessors(!?) als auch in den Forenbeiträgen die prinzipielle Machbarkeit der extremen Langlebigkeit auch von Kritikern und Verächtern kaum angezweifelt wird. Der Widerstand und die Ablehnung leiten sich tatsächlich fast ausschließlich vom mangelnden WUNSCH nach der Ausdehnung der individuellen Lebensperspektive ab. Damit rücken aber psycho-soziale, allgemein philosophische bzw. weltanschauliche oder religiöse Themen und Aspekte in den Focus der Aufmerksamkeit, während die dauerhafte Diskussion naturwissenschaftlicher und medizinischer Fragestellungen nur einen sehr begrenzten Sinn macht, wenn es um die Ausbreitung der Langlebigkeitsmotivationen ginge.

    Gleichzeitig fällt aber trotzdem auch auf, daß z.B. das biogerontologische Vorwissen nicht besonders groß ist und die wirklichen wissenschaftlich-praktischen Probleme der Alterns- und Krankheitsüberwindung selbst von vielen Befürwortern völlig unterschätzt oder bagatellisiert werden. Eine spontane Abwehr- und Distanzhaltung von medizinischen oder wissenschaftlichen Experten zu solch naiv-positiven Haltungen muß einen dann nicht mehr verwundern, da Wissenschaft in der Regel nicht mit verminderter sondern gesteigerter Kritikfähigkeit einhergeht.

    Insbesondere beim Eintreten für de Greys SENS-Ansatz müsste man künftig penibel darauf achten, daß er rhetorisch nicht als unterkomplexes Allround-Lösungsmittel mit Garantieversprechen angepriesen wird, während er in Wirklichkeit nur eine wenn auch vielversprechende Forschungshypothese darstellt, die praktisch-experimentell noch unbestätigt ist. Es geht ja gerade darum, die finanziellen Mittel für den Prozeß der systematischen Überprüfung aufzutreiben, und das Werben dafür kann wissenschaftlich gesehen letztlich nur mit Plausibilitätsargumenten erfolgen, ergänzt um außerwissenschaftliche Argumente, die sich eben in der hohen Wünschbarkeit des Ziels der Altersüberwindung zentrieren. Zum anderen trägt de Greys siebenfache(!) Differenzierung der prinzipiellen Altersursachen gerade den realen und faktischen Schwierigkeiten Rechnung und ist damit alles andere als „unterkomplex".

    Letztlich scheint es wohl so zu sein, daß man die wissenschaftlichen wie medizinisch-praktischen Probleme bei der Neutralisierung des menschlichen Alterungsprozesses mit allem gebotenen Ernst wahrnehmen und diskutieren sollte, um dadurch auch das notwendige Pathos oder die Begeisterung zu entwickeln, die es braucht, um die so weit verbreitete Ablehnung oder auch nur die Lethargie und Gleichgültigkeit bzw. die „Alterstrance" (de Grey) von so vielen überwinden zu können. Im blossen wissenschaftlichen klein-klein werden dagegen die Herr-von-Storchs dieser Welt, die Mainstream-Gerontologen sowie die atheistischen wie traditionell-religiösen Todesakzeptierer weiterhin die Oberhand behalten oder zumindest das Schneckentempo der weiteren Entwicklung diktieren.

    • Ich finde es erstaunlich, dass nur eine minderheit das ziel hat unendlich lange im selben körper in dieser welt, in diesem all, womöglich sehr lange auf diesem planeten zu existieren. Ich vermute, es hat den grund in der pietät gegenüber der anderen religiös-philosophischen grundhaltung, nämlich der apologie des todes, und darin, dass die "gegenseite", die verteidiger des anspruchs auf unendliches körperliches dasein eine - wenn auch nicht kleine - minderheit darstellen, ...dass dieses thema in den grossen medien eigentlich keine rolle spielt. Liege ich mit der vermutung richtig?

      • "Ich finde es erstaunlich, dass nur eine minderheit das ziel hat unendlich lange im selben körper in dieser welt, in diesem all, womöglich sehr lange auf diesem planeten zu existieren."

        Erstaunlich ist das nur, wenn man die große Dominanz traditionell religiöser Weltbilder vor allem in der Geschichte aber abgestuft auch noch in der Gegenwart ausblendet, die letztlich in ganz eigenen und zumeist jenseitig orientierten Unsterblichkeitsvorstellungen gipfeln. Gemessen daran ist diese Minderheit doch schon relativ groß, wie das Thema der körperlichen Langlebigkeit auch schon eine gewisse - wenn auch durchaus begrenzte und ambivalente - Rolle in den großen Medien spielt. Aber es stimmt schon: die Außenseiterposition erweist sich als ein ganz eigener Widerstand, der sich zu völlig anders gelagerten Problemen und Schwierigkeiten noch hinzuaddiert, die ich oben im Text von 2009 teils bereits angerissen hatte.

Antworten


What is 6 + 10 ?
Please leave these two fields as-is:
IMPORTANT! To be able to proceed, you need to solve the following simple math (so we know that you are a human) :-)