Online-Magazin für Physische Unsterblichkeit

“Alle starren auf den Tod”

Mehr Drama! So lautet das Motto, wenn Medien über die Schweinegrippe oder Finanzkrise berichten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Forscher Hans Mathias Kepplinger, wie Panikmache abläuft, wer davon profitiert - und warum auch TV-Wetterfrösche nur noch Quatsch quaken. Weiter zum Interview auf SPIEGEL-Online vom 10.5.09

2 Antworten »

  1. Systemwelt und Lebenswelt in der Risikodebatte

    Sehr interessantes Interview, das einige zentrale Faktoren des öffentlichen Risikodiskurses ins Bewußtsein hebt, in dem Eigeninteressen von Medienvertretern, Politikern und Experten auf die Angstbereitschaft von Massen treffen. (Man könnte übrigens noch den Faktor der zeitlichen Dringlichkeit ergänzen, der zum Verhältnis Gefahrengrösse versus Eintrittswahrscheinlichkeit verschärfend hinzutritt.) Das hat alles nicht nur irrationale Aspekte, auch wenn solche sicher klar überwiegen dürften, denn beispielsweise ist klar, daß etwa verantwortliche Politiker oder Gesundheitsexperten großer Institutionen sich lieber einmal zuviel als einmal zu wenig absichern, als sich im Katastrophenfall hinterher schwerwiegendes Versagen vorwerfen zu müssen, wie es ein Teilnehmer im SPIEGEL-Online-Forum treffend auf den Punkt brachte. (Beispiel Jugendämter und Kinderverwahrlosung usw.) Damit wäre mehr ein strukturelles Defizit benannt, das man längerfristig aber in den Griff bekommen könnte.

    Der Kern des Problems scheint vor allem aber auch mit einem fundamentalen Doppelaspekt der sozialen Realität zusammenzuhängen, der in der Soziologie nach Jürgen Habermas als Unterschied von Systemwelt und Lebenswelt bezeichnet wird. Die Systemwelt ist die Summe aller abstrakt-formalen Großinstitutionen wie Staat, Wirtschaft, Verbände, Wissenschaft, Medien usw. aber eben auch von Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, die alle eine innere Eigenlogik besitzen und die sich scharf vom konkret-emotionalen und mehr informellen Charakter des Alltagsbewußtseins in der Lebenswelt unterscheidet. Wenn Keplinger daher sagt, Zitat: „Menschen stützen ihr Urteil in Wirtschaftsfragen auf Alltagserfahrungen - und kaum auf Medienberichte." so gilt dies universell für alle möglichen Fragen und Probleme und gerade auch im Bereich von Gesundheit bzw. Krankheitsrisiken, in dem die unmittelbare und emotionalisierte Erfahrung in der Lebenswelt die mehr theoretisch-abstrakten Einschätzungen und Informationen dominiert! Hier liegt wiederum auch ein Grund für mediale Überzeichnungen oder etwa für Untergangsbeschwörungen von Krisenpropheten, die mit ihren emotional gefärbten Kommentaren die beharrenden Effekte der weit verbreiteten Gleichgültigkeit überwinden wollen (sich dabei aber oft zu sachlich-inhaltlich unhaltbaren Formulierungen oder Positionen hinreissen lassen, was ihre Glaubwürdigkeit und Reputation unter Experten, also unter Mitgliedern der „Systemwelt", wieder beeinträchtigt).

    Wenn Keplinger allerdings meint, wie es ja schon die Überschrift zitiert, daß alle „auf den Tod" starren, so stimmt das nur in einem ganz allgemeinen und oberflächlichen Sinne. Weder der Alltagsmensch in der Lebenswelt noch die Schar der Experten und Medienvertreter aus der Systemwelt schauen in einem reflexiven (gar selbstreflexiven) und bewußten Sinne auf die immer schon(!) drohende Gefahr des Todes. Sie haben alle gemeinsam nur Angst davor und schüren diese Ängste immer weiter - oder wiegeln im Einzelfall auch ab, je nach dem, aber sie setzen die je konkrete Gefahr nie mit den allgemeinen und grundsätzlichen Risiken der menschlichen Sterblichkeit in ein sachlich-angemessenes Verhältnis. Es ist genau diese selektive Herauslösung einer einzelnen - „neuen"! - Bedrohung, die die öffentlichen Risikodebatten irrational werden lässt, denn letztlich stilisiert sie eine einzelne Gefahr zu einer Projektionsfläche für sämtliche diffus vorhandenen individuellen wie kollektiven Todesängste und gibt ihr damit ein falsches Gewicht.

    Man könnte es allerdings auch so beschreiben, daß die solcherart mit falscher Bedeutung aufgeladene Bedrohung zu einer Art kollektivem Angstableiter wird, der unmittelbar entlastenden Charakter entfaltet. Das ganze wird so zu einem Baustein der allgemeinen Todesverdrängung - mit dem Preis, daß man sich den wirklichen Todesbedrohungen nur noch sehr verquer, verzögert und gebrochen, mithin ineffektiv stellen kann.

    Eben die alte Sache: Wer sich auf Un-Sterblichkeit ausrichtet muß sich grundlegend mit der Sterblichkeit des Menschen auseinandersetzen. Die einfachste und billigste Möglichkeit eine quasi-kindliche Form von Unsterblichkeitssehnsucht aufrechtzuerhalten, ist daher die permanente Ausblendung der ganzen existentiellen Thematik oder eben, als zweitbeste Lösung, die ständige Konstruktion von virtuellen Bedrohungen mit dämonischem Restrisiko als eine Art medial inszeniertem Sündenbockdiskurs. Permanent tauchen so in den Medien neue scheinbar existentielle Bedrohungen auf - und permanent wird nach einer relativ kurzen Zeit Entwarnung gegeben, während die realen und wirklichen Bedrohungen, hier etwa die Gefahr, an einer normalen Grippe zu sterben, entweder gar nicht oder nur relativierend und verharmlosend am Rande erwähnt werden. Die resultierende Pseudounsterblichkeit dürfte einer der größten Hemmschuhe für den modernen Immortalismus darstellen.

    Siehe auch den kürzlichen FOCUS-Artikel „Was neu ist, macht Angst", der weitere psychologische Mechanismen der öffentlichen Risikodebatte erhellt. Im Blog-Kommentar dazu finden sich zwei Links zur weiterführenden immortalistischen Deutung dieses ganzen Diskurses.


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