Online-Magazin für Physische Unsterblichkeit

“Also, da kommt noch was!”

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Gefühlschaos im Rentenalter und die Suche nach einer Ästhetik, um gealterte Körper ins Bild zu setzen: Ein Gespräch mit Andreas Dresen über Liebe und Sex im Alter und seinen neuen Kinostreifen. Weiter zum Interview auf den Online-Seiten der taz vom 03.09.08

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  1. Wolke 9

    Inge verliebt sich leidenschaftlich in Karl, ist aber mit Werner verheiratet. Sie will ihren Mann nicht verlieren, aber auch ihre neue Liebe nicht aufgeben. Es entwickelt sich ein Beziehungs- und Eifersuchtsdrama mit schweren Konflikten...

    So weit, so gut (oder schlecht) aber nichts neues. Das besondere von „Wolke 9" besteht in der für normale 'Kinoverhältnisse' ungewöhnlicheren Tatsache, daß alle drei Beteiligten weit über 60 sind und Regisseur Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon") die verschiedenen sexuellen Begegnungen annähernd realistisch inszeniert hat. Die resultierende große Medienöffentlichkeit, die von 'Tabubruch' und ähnlichen Klischees fabuliert, ist dabei allerdings nicht wirklich verständlich, denn beispielsweise eine große ARD-Produktion hatte vor zwei Jahren erst ebenfalls die sexuellen Bedürfnisse der älteren Generationen und unter ähnlich öffentlicher Anteilnahme in den Vordergrund gerückt („Mathilde liebt", mit Christiane Hörbiger und Michael Mendl). Schon im Kult-Klassiker von 1971 halten Harold und Maude auch nicht nur Händchen, die Pornoabteilungen und nächtlichen Telefonsexanbieter beliefern schon seit längerem auch das Segment 'Geile Frauen über 60 besorgens dir' und entsprechende Anti-Aging-Ratgeber verbreiten seit mindestens 10 Jahren die frohe Kunde von der auch im höheren Alter noch anhaltenden oder zu pflegenden Lust. Dies hat längst zu einer etwas unübersichtlichen Situation geführt, in der rückwärtsgewandte oder eher vergeistigte Redakteurinnen in den Kulturredaktionen sich gegen den vermeintlich neuen 'Druck' wehren, jetzt auch noch im Rentenalter Sex haben zu 'müssen', als ob die neuen zarten Freiheiten tatsächlich mit dem Zwangscharakter christlich-repressiver und bürgerlich-konservativer Epochen von gestern und vorgestern vergleichbar wären, die den Alten eine eigene Sexualität abgesprochen hatten.

    Allerdings sollte man dabei die Kirche im Dorf lassen. Die heutige Rentnergeneration ist auf Grund der langen Wohlstandsentwicklung und medizinischer Fortschritte im Schnitt zwar sehr viel länger gesund, vital und lebenslustig und kann daher auch länger ihre sexuellen Bedürfnisse leben, wenn das Alter mit seinen verschiedenen pathologischen Begleiterscheinungen aber dann doch zuschlägt, wird auch ihr schließlich die Lust vergehen. Alter und Sex sind letztlich prinzipielle Gegenspieler, darüber kann auch ein ansonsten innovativer Film nicht hinwegtäuschen, wobei die aktuelle Diskussion innerhalb der Altersforschung hier wahrscheinlich die Unterscheidung zwischen dem dritten und dem vierten Lebensalter ins Spiel bringen würde.


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