Wider das Brandzeichen
„Niemand sollte mit einer Alterszahl wie das Rindvieh gebrandmarkt werden."
(Von einer Teilnehmerin namens ‘Celestine’ im SPIEGEL-Online-Forum zur Frage, ob Pop-Stars über 50 abtreten sollen, anlässlich des 50. Geburtstags von Pop-Ikone Madonna.)
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„Ich hatte immer gehofft, Madonna würde die Sache mit dem Älterwerden so spielerisch packen wie alles andere. Hatte gedacht, dass die erfolgreichste Frau der Popgeschichte so intelligent sei zu wissen, wann es Zeit wäre, aufzuhören. Hatte geglaubt, dass sie ebenso cool altern würde, wie sie die Musikindustrie beherrscht hat."
Redakteurin Carola Padtberg im dazugehörigen Artikel auf SPIEGEL-Online. Die 32-jährige Journalistin hatte ihr einstiges Idol im Alter von 11 Jahren(!) via 'Bravo' und 'Popcorn' kennen- und liebengelernt und findet verständlicherweise ihre kindlich-jugendliche Begeisterung schon lange nur noch peinlich. Wirklich peinlich ist dagegen ihr Mangel an Selbstdistanz und Professionalität, der sie zu falschen Verallgemeinerungen bzw. völlig unbewußten und sentimentalen Haltungen gegenüber dem Prozeß des Altwerdens führt, als ob der körperliche und geistige Verfall tatsächlich in irgendeiner Weise 'cool'(!) sein könnte. Dabei wird sogar das augenscheinliche glatt geleugnet, denn die 50-jährige Madonna ist körperlich fitter und vitaler als so mancher 30-jährige, wie viele andere Forumsdiskussionsteilnehmer zugestehen mußten, selbst wenn sie keine Madonna-Fans sind.
Die ganze Diskussion verdeutlicht auf's anschaulichste und aktuellste die Macht kollektiver Alters(selbst)bilder am prominenten und symbolischen Beispiel, wie sie in Frank Schirrmachers 'Methusalem-Komplott' genauer erläutert wurde. Eben: wer nicht „jung denken" kann, wird niemals auch nur in die Nähe kommen, biologisch-medizinische Projekte zur Überwindung des Alterungsprozesses zu unterstützen oder praktische Schritte zur eigenen Langlebigkeit zu unternehmen. Und gerade hier, an den Kontroversen zu einem der bedeutendsten Sex-Symbole der letzten Jahrzehnte, kann man auch studieren, wie jugendliche Vitalität und Sex immer zusammengedacht werden müssen, denn spricht man Frauen über 50 ihre Sexualität ab ist das wie ein erster früher Nagel zu ihrem Sarg.
Von 'Feuchtgebiete'-Autorin Charlotte Roach gibt es ein SPIEGEL-Online-Interview, in dem sie sich in ähnlich abfälliger Weise über Madonnas Älterwerden äußert, in typisch radikalökologischer Verherrlichung des natürlichen Todes, oder siehe auch das kürzliche Zitat von Schauspielerin Alexandra Maria Lara. Die Pseudounsterblichkeit dieser erfolgreichen Frauen um die 30 lässt sich dabei auch aus einer falsch verstandenen Emanzipation verstehen, in dem manche selbstbewußten und 'toughe' Frauen von heute bloß die verdrängten Aggressionen und den existentiellen Masochismus der patriarchalen Kultur von gestern und vorgestern indirekt und unbewußt weitertragen. Ein Feminismus, der aber von der gleichen Todesversessenheit beherrscht wird wie die vieltausendjährige patriarchale Tradition, hätte nur das biologische Geschlecht der Todesapologeten gewechselt, nicht aber das destruktive Grundprinzip grundlegend transformiert.