Ist Gott nur eine Funktion unseres Gehirns?
Weltweit versuchen Wissenschafter und Philosophen, das Wesen Gottes und der Religion zu lösen. Neue Ergebnisse der Gehirnforschung legen den Gedanken nahe, dass wir von Natur aus zum Glauben programmiert sind. Professor Georg Northoff: "Wir müssen glauben und können nicht anders." Autor: Georg Northoff ----- Weiter zum Artikel auf WELT-Online vom 03.08.08
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Das Wort 'Glaube' von allen konkreten inhaltlichen Bestimmungen zu lösen, um neurobiologische Grundlagen zu diskutieren, wie es Northoff hier macht, führt zu irreführenden Konsequenzen aller Art und zu absurden Gleichsetzungen. Natürlich kann man z.B. auch in der Wissenschaft Glaubenselemente feststellen (wie ein moderner Theologe aber aufzeigen könnte, daß die Theologie auch sehr viele Vernunftelemente enthält), aber es ist offensichtlich, daß dies nur ganz abstrakte Gemeinsamkeiten sind, die für die jeweiligen Wissens- bzw. Glaubensinhalte ohne Belang bleiben.
Wenn man vom 'Wesen' Gottes spricht, müsste man sich dagegen in allererster Linie mit dem jeweiligen GottesBILD beschäftigen bzw. den Definitionen von „Gott", die die Vorstellungen und das konkrete Verhalten der Gläubigen prägen. Man käme dann sehr schnell dahinter, daß sich Atheisten letztlich nur an der personalen Gottesidee abarbeiten, die freilich die drei großen monotheistischen Religionen und damit ca. 3 Milliarden Menschen beherrscht, während nicht-personale, abstrakte oder fernöstlich-mystische Gottesbegriffe einfach nur Benennungen für „das große Ganze", „die Summe allen Lebens", "die höchste Wahrheit", "die vollkommene Liebe", „das Unnennbare", „die ekstatische Erfahrung des Heiligen" oder für ähnliche Umschreibungen darstellen, die gerade auch das überwältigende Geheimnis der gesamten Existenz auf einen zusammenziehenden und emotional aufgeladenen Begriff bringen wollen. Wer dieses Geheimnis ("Warum ist nicht nichts?") leugnen wollte um wissenschaftlicher Erkenntnis eine omnipotente Erklärungsreichweite zuzuschreiben, die sie nicht hat und vermutlich nie haben wird, verwandelt ein geistiges Unternehmen, das gerade auch von der Kritik, dem systematischen Zweifel, der Neugier und dem Staunen lebt, tatsächlich in eine Art modernes Glaubenssystem und muß sich über Konflikte mit älteren Konkurrenzprojekten diesbezüglicher Art dann nicht mehr wundern.
Zur Einführung in diese Zusammenhänge immer wieder empfohlen: das Kapitel über die „Gottesliebe" in Erich Fromms Allzeit-Bestseller 'Die Kunst des Liebens'. Dort werden religionsgeschichtliche und individualpsychologische Grundlagen in populärer und kompakter Form verdeutlicht, die aber auch z.B. in den Werken von C.G.Jung, Eugen Drewermann, Ken Wilber und vielen anderen mehr weitreichenden Niederschlag gefunden haben, nicht zuletzt - via Jung und fernöstlicher Lehren - in den großen Romanen Hermann Hesses, dem weltweit meistgelesensten deutschsprachigen Schriftsteller von Rang.