Ich fühle, also bin ich
Lange Zeit galt der Verstand als höchste Errungenschaft des Menschen, Gefühle dagegen wurden als dumm und unzuverlässig abgetan. Mittlerweile wissen Hirnforscher, dass Emotionen ihre eigene Intelligenz haben – und überlebenswichtig sind. Autor: Bas Kast ----- Weiter zum Artikel auf SPIEGEL-Online vom 10.08.08
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Schön, daß „mittlerweile" auch die Hirnforscher einsehen, was viele andere Menschenkenner schon lange wissen, von den Schriftstellern und Poeten angefangen, über die Psychoanalytiker und Religionspsychologen, Musiker und Filmemacher bis hin zu den politischen Agitatoren, Marketingspezialisten und dem Alltagsbewußtsein von Abermillionen. Die Abwertung und Ausblendung der Gefühle hat tatsächlich eine lange Tradition im Abendland, wie die einseitige Hochschätzung der Vernunft zu allen möglichen Wahrnehmungsverzerrungen und Realitätsbeugungen führt. Im Kontext des Immortalismus hat diese gerade unter Gebildeten immer noch weit verbreitete Fehlhaltung insbesondere eine fatale Fehleinschätzung des Phänomens Religion zur Folge, denn weder der Ursprung der Religion, noch ihre Ausbreitungs- und Veränderungsdynamik durch die Geschichte noch die subjektive Verfassung der einzelnen Gläubigen lassen sich ohne den grundlegenden Bezug auf intensive emotionale Erfahrungen angemessen verstehen!
Die Sterblichkeit des Menschen wird zum Problem und zur existentiellen Triebfeder immer nur über die Todesangst. Die religiösen Gegenstände - Götter, Jenseits, Engel, Heilige, Moralvorschriften, Tabus... - sind dabei stets extrem emotional aufgeladene Themen, die in ritueller Praxis hergestellt, verstärkt und modifiziert werden können. Ewigkeit und Unsterblichkeit stehen damit in einer fundamentalen Gefühlsspannung und sind nicht bloß abstrakte Begriffe einer rational kühlen Theologie. Und „Gott" als traditionelles Unsterblichkeitssymbol wird eben nicht zufällig auch zum Inbegriff der höchsten Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe, um so als Gegenmodell zum Tod die universelle Geborgenheit der menschlichen Existenz zu garantieren.