“Gesellschaften sind sterblich”
Der Historiker Johannes Fried hält alle Zivilisationen für vergänglich. Die Möglichkeiten der Selbstzerstörung der Menschheit sind heute größer denn je. Trotzdem hat der Mittelalterexperte eine gute Nachricht: Jedem Untergang folgt ein neuer Aufstieg. Weiter zum Interview in der aktuellen Ausgabe der ‘Süddeutsche Wissen’ via SPIEGEL-Online vom 16.08.08
Einträge(RSS)
Daß Gesellschaften bzw. ganze Zivilisationen „sterblich" seien, liest man immer wieder einmal, so wie hier schon in der Überschrift. Es handelt sich dabei allerdings fast ausschließlich um eine bloße Metapher, die den alles entscheidenden Unterschied zwischen dem realen Tod konkreter einzelner Individuen oder gar von Menschenmassen mit der bloßen Vergänglichkeit bestimmter Gesellschaftsstrukturen, vorherrschender Denkformen oder kultureller Werte vernebelt. Die im Interview erwähnte Stadt Venedig existiert schließlich heute noch (im Unterschied beispielsweise zu Pompeji), nur die wirtschaftliche, politische und militärische Bedeutung Venedigs um 1300 sind „untergegangen".
Es ist wichtig, diese fundamentale Differenz hervorzuheben, weil die Relevanz dieser Metapher sich immer von der wirklichen Sterblichkeit realer einzelner Menschen ableitet, nicht umgekehrt! (Anders wäre es, wenn der Untergang eines Staates oder einer Kultur tatsächlich mit dem massenhaften Sterben der einzelnen Gesellschaftsmitglieder zusammenfiele, Beispiel Atomkrieg.) Luigi De Marchi hat in seinem Buch 'Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod' daher die „psychoexistentielle" Perspektive auf das Todesproblem begründet, also den Primat psychologischer Erklärungen vor gesellschaftstheoretischen bzw. soziologischen Ansätzen. Man könnte ergänzen, daß soziologisches Denken per sé einen pseudoimmortalistischen Aspekt enthält, weil der zentrale Erkenntnisgegenstand „Gesellschaft" mit seinem kollektiven Zusammenschluß von Millionen und der Abfolge der Generationen in der Zeit eine überindividuelle und damit gewissermassen „langlebigere" Einheit darstellt als das einzelne und - räumlich wie zeitlich - viel begrenztere Gesellschaftsatom Individuum.
„Pseudo"-immortalistisch wird das soziologische Denken dabei immer dann, wenn alle geistige Anstrengung des soziologischen Denkers die je eigene Sterblichkeit verdrängt, um in der unaufhörlichen Beschäftigung mit überindividuell sozialen oder z.B. auch politischen Bedingungen "die Gesellschaft" in den Status eines Art Ersatzgottes zu heben, wodurch die soziologischen Reflexionen schliesslich einen überwiegend projektiven Charakter erhalten. Andererseits wurde in FOREVER schon öfters hervorgehoben, daß der soziale und arbeitsteilige Zusammenschluß von Menschen generell die Überlebenstüchtigkeit des einzelnen REAL steigert, so daß "Gesellschaft" sich tatsächlich auch hervorragend als existentielle Projektionsfläche für moderne nicht-religiöse Menschen eignet. Der Unterschied zwischen einer heute noch dominierenden todesverdrängenden oder todesausblendenden Sozialwissenschaft und einem neuen Paradigma, das hier versuchsweise schon einmal "Existentielle Soziologie" getauft wurde, würde zum einen darin bestehen, sämtliche soziologischen Phänomene mit der realen Sterblichkeit der einzelnen Gesellschaftsmitglieder in grundlegende Beziehung zu setzen. Zum anderen wäre herauszuarbeiten, wie der Wunsch nach Überlebenssicherung der Individuen in all diese Phänomene miteingeht, sie vorstrukturiert und ihnen erst ihre tieferen Gesetzmäßigkeiten, Dynamiken und Relevanz verleiht.
(Einige Beispiele für die erweiterte Interpretation zentraler soziologischer Begriffe im Sinne Existentieller Soziologie: "Gesellschaft" - Zusammenschluß vieler einzelner Individuen, die durch arbeitsteiliges Zusammenwirken die Überlebenstauglichkeit der Gesellschaftsmitglieder steigern. "Soziales Handeln" (im Sinne Max Webers) - nur die wechselseitige Bezugnahme auf den subjektiven Sinn kann Verhaltensweisen und Einstellungen begründen, die das Potential des arbeitsteiligen Zusammenschlusses auch tatsächlich praktisch-interaktiv erschliessen. "Macht" - stellt den Versuch dar, sich gegen Widerstand größere materielle wie ideelle Ressourcen der Produkte gesellschaftlicher Arbeitsteilung anzueignen, die direkt in die gesteigerte Überlebensfähigkeit des Machthabenden eingehen. "Status" - Begriff, der die Verfügung über materielle wie ideelle gesellschaftliche Ressourcen bezeichnet, die in das individuelle Überleben miteingehen usw.)
Bei der Frage, inwieweit ein einzelner soziologischer Denker zur Projektion in existentiellen Dingen neigt, kann man sich an folgendem Leitkriterium orientieren: je mehr wirtschaftliche, materielle und letztlich natürlich-biologische Faktoren aus den Diskussionen ausgeschlossen oder polemisch mit Denkverboten belegt werden, je mehr, je schneller oder je undifferenziert-reduktionistischer biologisch-materielle Grundlagen von Mensch und Gesellschaft als "bloß sozial konstruiert" gedeutet werden, desto stärker ist die individuelle Ausblendung und Verdrängung des Todes und desto stärker muß mit Projektionen und einseitig-verzerrter Wiederkehr des Verdrängten an anderer Stelle gerechnet werden (z.B. in Form aggressiver Feindbilder, paranoid aufgeladener Gesellschaftsanalysen oder illussionärem Aktionismus). Die Sterblichkeit des Menschen ist schließlich zunächst immer erst einmal ein biologisch-natürliches Geschehen, das freilich sehr wohl von psycho-sozialen Faktoren beeinflusst und modifiziert werden kann, wie es ja auch sekundäre bzw. menschengemachte Todesursachen in Form von Krieg, Gewalt, Armut usw. gibt. Wer hier aber die Prioritäten auf den Kopf stellt oder auch nur im unklaren läßt und z.B. sich immer nur eben auf diese sekundären Todesursachen konzentriert, der macht aus Sozialwissenschaft eine säkulare Ersatzreligion und kommt dann zu Schlußfolgerungen und praktisch-politischen Strategien, die in existentieller Hinsicht völlig realitätsblind sind.
Anmerkungen:
1. Ein weiterer Artikel auf SPIEGEL-Online vom Folgetag berichtet über 'Neoprimitivisten', vor allem im Umfeld radikalökologischer oder anarchistischer Sektierer. Im Lichte der obigen Zusammenhänge besehen, ist es sofort völlig klar, warum solche Positionen unhaltbar sind. Sie funktionieren sowohl praktisch wie psychologisch immer nur mit dem schon im Text beschriebenen Widerspruch, daß die Zivilisationskritiker Ressourcen des Systems nutzen, das sie überwinden wollen. Mit Gesellschaften, die auf den von ihnen vertretenen Prinzipien basierten, würde die Geschichte einfach nur wieder von vorne anfangen. Man kann sich eben nicht nur die Rosinen rauspicken und die Schattenseiten ignorieren, denn genau letztere haben die historische Dynamik angetrieben, und der tiefste Schatten ist die Endlichkeit des individuellen Lebens und die beständige Drohung des Todes.
2. Zum Problem des Untergangs ganzer Kulturen sei auch auf das Buch von Jared Diamond 'Kollaps' aus dem Jahre 2005 hingewiesen, das auch eine ausgezeichnete Bestandsaufnahme der aktuellen ökologischen Krise liefert, freilich ohne Berücksichtigung immortalistischer Zusammenhänge.
3. In einem jüngsten ZEIT-Artikel vom 21.08.08 über die Fehldeutung der Staatsverschuldung liest man folgende schöne Passage:
„Ein Privatmann muss seinen Kredit zu Lebzeiten zurückzahlen können, sonst bekommt er gar keinen. Unternehmen und Staaten aber sterben nicht. Sie haben kein endliches Leben vor sich."