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Der sanfte Atheist

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Pascal Boyer erklärt die Religion als Nebeneffekt der biologischen Selektion. Ein Glaubensgegner ist der Religionsanthropologe deshalb nicht. Autor: Ulrich Schnabel ----- Weiter zum Artikel auf ZEIT-Online vom 14.08.08

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  1. Die funktionalistische Betrachtungsweise von Religion ist tatsächlich nichts neues, wie ein Leser in den Kommentarspalten zu diesem Artikel ganz richtig anmerkt. Die ganze Religionssoziologie beruht auf diesem Blickwinkel, ist seit Jahrzehnten akademisch etabliert und hat noch viel ältere Vorläufer. Religionswissenschaft und Religionssoziologie umgehen dabei gerne die Frage nach der tieferen Wahrheit von religiösen Glaubensüberzeugungen, müssen sich allerdings den Einwand gefallen lassen, daß sie damit gerade das wesentliche unbeachtet lassen. Genaugenommen handelt es sich dabei in den meisten Fällen auch nur um eine Art von kompliziertem Selbstmissverständnis, denn die funktionalistische Herangehensweise, die sich um die Wahrheit nicht schert, nimmt in ihrem distanziert und äußerlich bleibenden Blick und durch ihre naturalistischen Alternativerklärungen von religiösen Phänomenen sehr wohl auch eine inhaltliche Position ein, eben eine eigenständig-distanzierte und auf Abgrenzung bedachte, jenseits von etablierten Dogmen, herrschenden Theologien und Auslegungstraditionen. Dies ist bei einer Sache, die so sehr auf religiöse Praxis, aktive Zustimmung und öffentliches Bekenntnis setzt, schon Kritik genug, da muß man sich gar nicht noch groß und explizit kritisch äußern. (Wie man ja sowieso streiten kann, ob der glühend-polemische Atheist oder der kühl-gleichgültige Agnostiker der größere Religionskritiker ist, denn die ersteren bleiben in ihrere Dauerfehde oft noch negativ an das kritisierte gebunden, während die letzteren sich einfach anderen Dingen zuwenden und damit ihre grundlegende Abwendung von den religiösen Traditionen sehr viel deutlicher markieren als die Kritiker...)

    Außerdem gibt es sehr wohl Wahrheiten, die sich beweisen lassen, insbesondere wenn traditionelle Religionen sich auf konkrete Aussagen über die Natur der äußeren Welt einlassen, Beispiel Galilei. Umgekehrt reden rationalistische Religionskritiker die Wahrheit religiöser Erfahrungen oder generell von subjektiven Befindlichkeiten falsch klein oder wollen sie wegerklären („nur Gehirnfunktion"), als ob das bloße Aufzeigen von Korrelationen zwischen natürlichen Zuständen z.B. von Nervenzellen des Gehirns und subjektiven Erfahrungen etwas an der wirklichen und objektiven Existenz solcher Erfahrungen änderte, gar an der mysteriösen Tatsache, daß bestimmte Konstellationen in der äußeren Natur eben tatsächlich zu den erstaunlichsten Erlebnissen und konkreten inneren Seinszuständen führen oder daß das SoSein von innerer „Erfahrung" überhaupt zum Bauplan der Existenz dazugehört! Hier fallen die naturwissenschaftlichen Reduktionisten mit ihrer notorischen Nüchternheit und ihren szientistischen Scheuklappen einfach gegen ganz andere Zugänge zur Welt ab, die das Leben erst bereichern bzw. sinnvoll, lebenswert und beglückend erscheinen lassen.

    'Nichts neues' ist aber leider auch wieder die Ausblendung des Todesproblems, auf jeden Fall in diesem Artikel und - anscheinend - auch bei Pascal Boyer selbst. Gerade bei der Frage, warum die Menschen glauben und vielfältigste religiöse Systeme hervorbringen, liefert die Focussierung auf die Sterblichkeit des Menschen nicht nur einen universellen Erklärungsschlüssel - es wird auch sofort klar, warum die Moderne nicht wesentlich weiter ist, wenn sie immer nur falsche Trostangebote zurückweist, ohne sich eigenständig und konstruktiv dem Ausgangsproblem zuzuwenden. Die nüchtern-stoische und tendenziell fatalistisch-depressive Hinnahme des scheinbar unvermeidlichen, wie in anderen Kommentaren anempfohlen, ist jedenfalls keine Lösung und wird die Kraft der über Jahrtausende organisierten und institutionalisierten Ewigkeitshoffnungen sicher nicht brechen. Warum auch, lieber 'Opium fürs Volk' als gar kein Schmerzmittel.


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