Die Entdeckung der Erinnerung
Der Wissenschaftler Jan Assmann entwickelte eine Methode zur Untersuchung der Erinnerungskultur. Über 30 Jahre lang forschte er in Ägypten. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Autor: Marius Meller ----- Weiter zum Artikel im Berliner Tagesspiegel vom 07.07.08
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Wie bei verschiedenen Gelegenheiten schon erwähnt, ist Jan Assmann einer der wenigen zeitgenössischen Denker von Rang, bei dem die Bedeutung der Sterblichkeit für die menschliche Kulturgeschichte wenigstens annähernd angemessen reflektiert wird, siehe z.B. sein im Tagesspiegel-Artikel nicht erwähntes Werk ‘Ma’at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im alten Ägypten’ u.a. Seine Kritik am Monotheismus akzentuiert allerdings leider nur die negativen Aspekte dieser fundamentalen Tendenz der Religionsgeschichte, während ihre positiven Seiten, nämlich vor allem die weitere Entwicklung und Kristallisation des kollektiven Unsterblichkeitsbewußtseins, unberücksichtigt bleiben.
Die resultierende grundlegende Historisierung menschlicher Gewalt, wie sie unlängst auf einer Tagung zu der von Assmann angestossenen Monotheismus-Debatte wieder massiv vertreten wurde - siehe den Artikel in der ZEIT vom 10.7.08 - ist dabei aber völlig abwegig. Genauso, wie es tatsächlich sicher scheint, daß die Entwicklung monotheistischer Gottesbilder mit ihren geistig-praktischen Absolutheitsansprüchen die individuellen wie gesellschaftlichen Neigungen zur Konstruktion von Feindbildern zunächst weiter gefördert hat, genau so sicher ist es auch, daß spezifische sozialpsychologische und psychoexistentielle Mechanismen zur Inklusion und Exklusion, also zur weitverbreiteten menschlichen Neigung, Zugehörigkeit bzw. Nicht-Zugehörigkeit zur sozialen Gemeinschaft kategorisch festzulegen und auf den Fremden und Anderen alle möglichen existentiellen Ängste zu projizieren, schon lange lange vor der sogenannten ‘Achsenzeit’ existiert haben. Die Historisierung menschlicher Destruktivität mutet manchmal geradezu kindisch an, um so mehr, je mehr intellektuelles Potential versammelt ist, aber es ist wohl nur ein je neues kleines Beispiel für die Verdrängung und Abwehr der menschlichen Sterblichkeit.