Der Nationalismus als Flucht vor dem Tod – Ein Versuch zu verstehen
In ihrem Werk "Vita activa" charakterisierte die politische Publizistin Hannah Arendt den antiken Begriff des Politischen dahingehend, dass der Betätigung der Menschen im öffentlichen Raum "eine potentielle Unvergänglichkeit eignet, weil sie sich von sich aus der andenkenden Erinnerung der Menschen einprägen." Die antike Politik geriet so angeblich zu dem Versuch, sich selbst auf Erden unsterblich zu machen. Während Arendt sich mit Blick auf die Interpretation Platons und Aristoteles’ mächtig gewaltig irrte, könnte diese Figur jedoch die Motive eines so manchen Nationalisten aufklären helfen. Autor: Mathias Brodkorb ----- Weiter zum Text im ZEIT-Blog ‘Störungsmelder’ vom 05.07.08.
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Nationalismus und Tod
Ja, der Nationalismus hat tatsächlich eine todeskompensierende Funktion, die weithin unterschätzt bzw. völlig ausgeblendet wird. Diese Funktion resultiert im Kern aus den überlebenssichernden Effekten sozialer Gemeinschaften überhaupt und beginnt (prä-)historisch natürlich schon sehr viel früher auf der Ebene von Großfamilien, Sippen, Stämmen etc. bis hin zu den archaischen und antiken Hochkulturen, steigert sich aber durch die Wirkungen und Effekte komplexer Arbeitsteilung ausdifferenzierter staatlicher Gemeinwesen in der Moderne mit ihren organisierenden Institutionen und rationalen Bürokratien noch einmal um ein Vielfaches. Diese zugespitzte Überlebenssicherung kann auf der ideologischen bzw. subjektiven Ebene der individuellen Identifikation hochgradig mit positiven Emotionen besetzt werden und stellt sich als übersteigerte Liebe zu Staat und Nation, zu Volk und Vaterland dar, die um so mehr in ein mörderisches und destruktives Extrem umschlägt, je mehr der einzelne Nationalist oder das soziale Gemeinwesen als ganzes in eine existentielle Krise gerät. Existentielle Verunsicherung wurde traditionell vor allem durch religiöse Sinn- und Glaubensangebote aufgefangen. Übersteigerter Nationalismus und insbesondere auch der Nationalsozialismus sind daher ohne den vorangegangenen Säkularisierungsprozeß und den damit einhergehenden Zerfall religiöser Glaubensgewissheiten kaum denkbar, daher auch die pseudoreligiösen Aspekte des Führerstaates, die schon oft beschrieben wurden.
Als Ersatzreligion oder "politische Religion" (Voegelin) kann der National(sozial)ismus nun aber die Kernfunktion aller Religion, die Aufhebung des Todes und die Versprechung eines ewigen Lebens, nur höchst unvollkommen verwirklichen, insbesondere und vor allem gerade dann nicht, wenn er die Organisation der gemeinschaftlichen Lebenskräfte nur gegen die sekundären menschengemachten Todesursachen richtet, also gegen - vermeintliche oder tatsächliche - tödliche Bedrohungen durch andere Menschen, andere Völker, Staaten und Kulturen, die im letzten nur aus menschengemachter Gewalt resultieren. In dem Maße, wie er aber die primären natürlichen Todesursachen außen vor läßt, wird die nationalistische Ideologie zu einer einzigen Projektionsfläche für die kollektiv verdrängte Todesangst, die im Feindbild, im abgewehrten Fremden oder im "Untermenschen" die Letztursachen der eigenen Sterblichkeit verortet und so im Kampf gegen einen überstilisierten Feind nur eine gigantische Form von Pseudounsterblichkeit hervorbringt (ein projektives Muster, das letztlich schon der religiösen Tradition zu Grunde liegt, wenn der archaische Mensch die tödliche Bedrohung durch blosse Naturkräfte personalisiert und sie in übernatürliche Wesenheiten verwandelt, die er durch Gebete, Zeremonien, Opferrituale usw. zu besänftigen sucht: Regengott, Donnergott, Krankheitsdämonen usw.). Die Folgen sind bekannt, man lese in dieser psychoexistentiellen Perspektive noch einmal Jonathan Littells aktuellen Monumentalbestseller 'Die Wohlgesinnten' und versteht sofort die tieferen quasi-religiösen bzw. pseudoimmortalistischen Heilsaspekte des nationalsozialistischen Rassenwahns.
Trotzdem enthält der Nationalismus auch eine positive Tendenz, wenn man ihn als blossen historischen Zwischenschritt bei der zunehmenden Integration immer größerer sozialer Gemeinschaften ansieht, die über die angedeuteten Effekte der Arbeitsteilung immer stärkere Überlebensgewinne für den einzelnen zur Folge hat. Daß er hier und da immer wieder einmal nur in seinen rückwärtsgewandten, begrenzenden oder beharrenden Tendenzen aufflackert, hat wohl mehr mit den Gerechtigkeits- und Demokratiedefiziten der aktuellen Globalisierung zu tun, die insbesondere die viel beschworenen "Modernisierungsverlierer" wieder nach einer traditionellen Autorität rufen lässt. Doch diese Autorität ist im höchsten Masse trügerisch weil unvollkommen, und es spricht alles dafür, daß sich die Menschheit erst dann den tiefsten und letzten existentiellen Herausforderungen des Lebens wirklich stellen kann, wenn sie das mit vereinten Kräften tut - anstatt noch einmal illussionäre Sündenböcke für die eigene Sterblichkeit im Nachbarvolk und Nachbarland, im fremden und im anderen zu suchen.
PS: Soweit einige psychoexistentielle Zusammenhänge in aller Kürze, wer mehr darüber wissen will, greife zu Luigi De Marchis Studie 'Der Urschock - Unsere Psyche, die Kultur und der Tod' (Luchterhand, 1988). Zu dem im Ausgangstext von Mathias Brodkorb erwähnten Phänomen des "Natalismus", also der grundlegenden Orientierung an Nachkommenschaft, findet sich dort ein ganzes eigenes Kapitel (Kapitel 4 über die soziale Abwehr der Todesangst). Ebenso setzt sich De Marchi über mehrere Seiten kritisch mit dem Werk von Ernest Becker: 'The Denial of Death' auseinander, das von einem Teilnehmer in der sich anschließenden Blogdiskussion erwähnt wurde (S. 166 ff, im Kapitel 6 über die psychologische Abwehr der Todesangst).